“Wegsehen (bzw. Übersäuerung der Ozeane) ist hirnlos”

Original: http://www.seashepherd.org/news-and-media/editorial-100511-1.html
Dienstag, 11. Mai 2010

Original “Seaacide is Brainless”

“Wegsehen (bzw. Übersäuerung der Ozeane) ist hirnlos”

(Anm. d. Ü.: Wortspiel Watsons, s.a. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,667008,00.htm)

Kommentar von Kapitän Paul Watson

“Ich bin unbesorgt, bloß weil man voll mit Quecksilber ist, ist man noch nicht krank.”

- Färöer Walfänger, The Guardian (August 2000), Artikel von John Vidal

Es wurde größte Sorge über die Mengen an Quecksilber im menschlichen Körper geäußert, insbesondere bei Kindern in Taiji, Japan und den dänischen Färöer Inseln. Tatsache ist, dass Menschen an Orten, wo Meeressäuger wie Delfine und Wale gegessen werden, hohe Konzentrationen an Quecksilber in ihrem Körper aufweisen. Darüber scheint es keinerlei Debatte zu geben. Die Frage ist, ob wir dem Beachtung schenken oder nicht.

Die Beobachtung solcher Gemeinschaften und Kulturen, in denen Quecksilbervergiftung verbreitet ist, scheint aufzuzeigen, dass wir uns nicht wirklich darum kümmern.

Dass hohe Grade an Quecksilbervergiftung die Realität sind, ist eine bewiesene Tatsache, nachgewiesen durch Gesundheitsbehörden sowohl der Färöer Inseln als auch Taijis, Japan. Dennoch verharren die Anwohner dieser beiden Orte in relativer Sorglosigkeit. Sie betrachten die Aufnahme von Quecksilber über die Nahrung in der gleichen Weise, wie Raucher die Aufnahme von Teer und anderen Chemikalien über Zigaretten sehen. Sie mögen schlimme Gesundheitsbeeinträchtigungen erleiden und sterben, aber ihre Haltung ist „bei mir nicht“, oder „ich werd’ mich morgen darum kümmern“.

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Aus: Associated Press: “Mercury high in Japanese town that hunts dolphins” (2010)
TAIJI, Japan: Bewohner der delfinjagenden Stadt, dargestellt in dem Oscar-Dokumentarfilm „The Cove“, haben gefährlich hohe Quecksilberbelastungen, wahrscheinlich wegen ihrer Vorliebe für Delfin- und Walfleisch, teilte ein Labor der Regierung am Sonntag mit.

Die Quecksilbermengen, die bei Bewohnern Taijis aufgedeckt wurden, lagen über dem nationalen Durchschnitt, aber follow up-Studien haben dem Nationalen Institut für die Minamata Krankheit zufolge keine schwerwiegenden Auswirkungen gefunden. Die Tests wurden an Haarproben an 1.137 Freiwilligen aus den rund 3.500 Einwohnern durchgeführt.

“Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Quecksilberanreicherung im Haar und dem Verzehr von Meeressäugern“, teilte Direktor Koji Okamoto Reportern in der Stadthalle mit.

Quecksilber akkumuliert im Lauf der Nahrungskette, so dass große Raubtiere wie Delfine, Thunfische und Schwertfisch tendenziell die höchsten Belastungen aufweisen. Die jüngsten, von der japanischen Regierung veröffentlichten Studien zeigen, dass das Fleisch des großen Tümmlers den 1.000-fachen Quecksilbergehalt gegenüber demjenigen von Sardinen aufweist.

Föten und kleine Kinder sind besonders empfindlich gegenüber Quecksilber, das die Entwicklung des Nervensystems beeinträchtigt. Das Gesundheitsministerium fordert schwangere Frauen dazu auf, höchstens 2.8 Unzen (80 Gramm) des Großen Tümmlers innerhalb von zwei Monaten zu verzehren.

Umweltschützer protestieren seit langem gegen die Delfinschlächterei Taijis und die Walfangaktivitäten Japans und haben das Quecksilberproblem zu einem Teil ihres Anliegens gemacht.

“Wenn Sie Delfinfleisch essen, essen Sie Gift und wenn Sie viel Delfinfleisch essen, essen Sie viel Gift”, sagte Louis Psihoyos, Regisseur von „The Cove“, der Anfang des Jahres einen Akademie-Preis errang. Er sprach telefonisch aus Los Angeles mit der AP.

Taiji hat in Erwägung gezogen, seinem Standard-Set von Gesundheits-Checks für einige Jahre einen Quecksilbertest hinzuzufügen. Die Regierung der Stadt hat letztes Jahr Kontakt zu dem Institut aufgenommen, das sich einverstanden erklärte, als Teil seiner Forschung die Quecksilbertests durchzuführen und zu bezahlen, wie Yoshio Kaino verlauten ließ, ein Beamter Taijis, der das Programm anleitete.

Vom Juni letzten Jahres an bis über den Februar hinweg wurden mehrere Tests durchgeführt. Am Sonntag wurde ein Treffen in der Stadthalle abgehalten, um die Ergebnisse zu erklären und ungefähr 100 Bewohnern von Taiji, die zugegen waren, wurde mitgeteilt, dass es für die meisten unter ihnen keine Notwendigkeit gebe, ihre Ernährungsgewohnheiten zu verändern, obwohl weitere Tests in der Zukunft nötig sind.

Denjenigen mit den höchsten Werten wurde angeraten, den Verzehr von großen Fischen und Meeressäugern einzuschränken. Auch wenn es das Nervensystem dauerhaft schädigen kann, wird Quecksilber mit der Zeit vom Körper ausgeschieden, wobei es sich ca. alle 70 Tage halbiert. Eine Person könnte das meiste davon aus ihrem System ausschwemmen indem sie es für ein Jahr komplett auslässt.

Beim Mittagessen im Anschluß an das Treffen in der Stadthalle hatte der Gemeinderatsvorsitzende seine helle Freude, als er bedächtig rohe Scheibchen eines Streifendelphins in Sojasauce tunkte.

“Das mag sorglos scheinen, aber ich habe absolut keine Bedenken, und ich will meinen Lifestyle fortführen können”, sagte er.

Wie es im “Moby Dick”, einem von der örtlichen Regierung betriebenen Hotel, serviert wird, war das rote und rosa Delfin-Sashimi unkaubar zäh und kaum fischähnlich, seine säugetierartige Beschaffenheit mehr wie Fleisch als wie Fisch.

Trotz der in den Tests von Taiji gefundenen hohen Quecksilberwerte sagten Institutsangestellte, dass die neurologischen Testungen an den 182 Bürgern, die diese gewollt haben, keine Probleme gefunden hätten. Für den März nächsten Jahres sind follow up-Studien geplant, möglicherweise mit Einladung externer Experten, und eine separate Studie zum Auffinden der Quecksilberbelastung im lokalen Fischfang läuft gerade.

Bei einer Presseerklärung am Sonntagnachmittag fragten viele Reporter nach, wie es sein könne, dass es trotz solch hoher Quecksilberwerte keine gesundheitliche Beeinträchtigung gebe, wobei einige die Kompetenz des Labors in Frage stellten.

Joanna Tempowski, eine Wissenschaftlerin, die für chemische Sicherheit bei der WHO in der Schweiz arbeitet, sagte, das Minamata Institut sei eine angesehene Institution, der zugetraut werde, technische Mithilfe zu leisten.

Ohne die Ergebnisse aus Taiji gesehen zu haben, sagte sie, dass manche Quecksilberschädigungen nicht unmittelbar auftreten müssten.

“Sie könnten irgendwann in der Zukunft anfangen, gesundheitliche Beeinträchtigungen zu zeigen“, sagte sie.

Quecksilbervergiftung ist ein heikles Thema in Japan, wo eine Krankheit, die heute als Minamata-Krankheit bezeichnet wird, in Verbindung mit einem Chemieunternehmen stand, das Hunderte Tonnen von Quecksilberverbindungen auf der südlichen Insel von Kyushu verklappte.

Die Erkrankung verursacht Spasmen, sensorische Verluste und Geburtsschäden und kann tödlich sein.

Die Umweltverschmutzung, die noch Jahre nach ihrer Aufdeckung weitergeführt wurde und die Minamata-Krankheit wurden zu einem internationalen Symbol für Umweltzerstörung und Unternehmenskorruption.

Ende der Geschichte

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Was mir auffiel, waren zwei Feststellungen in der obigen Geschichte:

Erstens

Taijis Gemeinderatsvorsitzender Katsutoshi Mihara, der sagt:

“Das mag sorglos scheinen, aber ich habe absolut keine Bedenken, und ich will meinen Lifestyle fortführen können”.

Zweitens

Weltgesundheitsorganisation Dr. Joanna Tempowski:

“Sie könnten irgendwann in der Zukunft anfangen, gesundheitliche Beeinträchtigungen zu zeigen“.

Und wir haben in Minamata, Japan, gesehen, was für Beeinträchtigungen das sind, mit genetischen Defekten, geistigem Zurückbleiben und Degeneration von Hirngewebe.

Aber hey, Mihara will nicht, dass irgendetwas seinem “lifestyle” im Wege steht.

Wenn das nicht ein Anzeichen für den Irrsinn der Kultur in der menschlichen Gesellschaft ist, dann weiß ich nicht was sonst.

Selbstzerstörung in der Psyche menschlicher Wesen ist in der Tat weit verbreitet. Wir sehen es ständig, Raucher, exzessives Trinken, Drogenmissbrauch, ungesundes Essverhalten etc.

Die gleiche Geisteshaltung, die Raucher haben, kann man benutzen um das suizidale Verhalten von Delfin- und Walessern zu erklären.

Doch was mir am meisten auffällt in der ganzen Quecksilberdebatte ist die Auswirkung, die es auf zwei unschuldige Gruppen hat.

Die erste sind die Kinder, die buchstäblich zwangsernährt werden mit dem kontaminierten Fleisch, sei es in Schulspeisungsprogrammen oder durch ihre Eltern. Die zweite Gruppe wird nicht einmal erwähnt: Was genau macht zum Teufel das ganze Quecksilber mit den Delfinen und den Walen?

Was Kinder angeht, habe ich einmal Premierminister Atli Dam mitgeteilt, bedeutet, dass sie ihre Kinder zwingen, Grindwalfleisch zu essen, sie sie zwingen Gift zu essen und das sei Kindesmisshandlung.

Der Premierminister antwortete mit der Äußerung “was wir mit unseren Kindern machen, ist unsere Sache und geht Sie nichts an”.

Worauf ich antwortete “Kindesmissbrauch, denke ich, geht jeden etwas an.”

Er fuhr dann fort, irgendetwas über den “grind” (Grindwaltreibjagd) zu murmeln, die eine Gabe Gottes und ein Teil ihrer Kultur sei, und wir sollten uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern und naja, wir würden Kühe und Hühner essen, also!

Doch manche Leute würden es noch vorziehen, ihre Kinder umzubringen um ihre Kultur zu bewahren. Die Konsequenzen sind da und deutlich zu sehen, aber die Leute haben die Neigung, mit jedweder Krankheit so umzugehen, dass sie lieber versuchen, sie zu behandeln statt zu versuchen, ihr vorzubeugen.

Wie dem auch sei, es gibt eine Fülle von Organisationen, die mutig an der frustrierenden Aufgabe des Versuchs arbeiten, die Leute an Orten wie Taiji und den Färöern davon abzuhalten, ihre Kinder umzubringen.

Nur sehr wenige arbeiten an dem Versuch, diese Kulturen bei der Zerstörung der Gesundheit und des Lebens von Delfinen und Walen zu stoppen.

Das ist der Punkt, an dem die Sea Shepherd Conservation Society ins Spiel kommt. Unsere Klienten sind nicht Leute, sondern die Arten von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und Wirbellosen, die unsere Ozeane bevölkern.

Diese Arten haben keine Wahl. Wir pumpen unaufhörlich Quecksilber und andere Industriechemikalien in die Lebensräume der Meere, und Meerestiere haben keine andere Wahl, als durch diesen Dreck hindurchzuschwimmen und ihn in sich aufzunehmen, ihn durch ihre Kiemen, Verdauungssysteme und Poren durchlaufen zu lassen.

Nur wenige Gedanken werden an diese nichtmenschlichen Opfer verschwendet und und nur ganz minimale Forschungsbeiträge geleistet über die Auswirkung von Quecksilber und anderen Chemikalien auf nichtmenschliche Spezies und so machen wir weiter mit der Vergiftung der Meere.

Gift kann schnell wirken oder es kann langsam wirken, aber die Folgen sind gewöhnlich vorhersehbar: Entkräftung, dauerhafte Schäden, motorische Behinderung, genetische Defekte, Mutationen und Tod.

Aus: New Scientist – Mercury poisoning in the Faeroes (2008)

In einer Stellungnahme gegenüber den Inselbewohnern haben die Amtsärzte Pál Weihe and Høgni Debes Joensen verkündet, dass Grindwalfleisch und Blubber zuviel Quecksilber, PCB und DDT – Derivate enthält um für den menschlichen Verzehr sicher zu sein.

“Es erfüllt uns mit großer Traurigkeit, dass diese Empfehlung herausgegeben wird”, sagten sie. „Der Grindwal hat über Jahrhunderte hinweg viele Färöer am Leben erhalten.“

Jedoch hätten, in “bitterer Ironie”, wie sie sagten, Untersuchungen der Auswirkungen dieser Schadstoffe auf die Färöer selbst gezeigt, dass Quecksilber im Besonderen dauerhafte Schäden verursache.

Die Arbeit hat Schäden an der neuronalen Entwicklung von Föten, Bluthochdruck und Immunabwehrschwäche bei Kindern nachgewiesen, ebenso wie zunehmende Raten der Parkinson-Krankheit, Kreislaufprobleme und mögliche Unfruchtbarkeit bei Erwachsenen. Der Färöer Datensatz hat die Besorgnis über Expositionen mit Quecksilber auf niedrigem Niveau andernorts wieder aufleben lassen.

Die Amtsärzte merken an, dass es nicht die Färöer waren, die die Umweltverschmutzung erzeugt haben. Aber „diese Ergebnisse haben bereits weltweit zu verschärften Einschränkungen der Umweltverschmutzung geführt. Wir müssen deshalb auch selbst die Konsequenzen anerkennen.“

Unsere Ozeane sind Lebensräume, die abhängig auf Biodiversität beruhen und auf der wechselseitigen Abhängigkeit einer Spezies von der anderen.

Das Risiko ist klar: vergifte das Leben in den Ozeanen und die Biodiversität schwindet und wenn Spezies ausgelöscht oder zur Ausrottung getrieben werden, ist die gegenseitige Abhängigkeit ebenfalls beeinträchtigt. Kurz gesagt, wir killen unsere Ozeane.

Und wenn die Ozeane sterben, dann sterben auch wir!

Das ist der Weg, auf dem die Welt zu Grunde geht!

Nicht mit einem Knall, nur mit einem Winseln.
- T.S. Elliott

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