Sea Shepherd Undercover-Agent wendet sich an die Bewohner der Färöer Inseln

Original: http://www.seashepherd.org/news-and-media/editorial-100730-1.html
Freitag, 30. Juli 2010

Sea Shepherd Undercover-Agent wendet sich an die Bewohner der Färöer Inseln

Die folgende Kolumne wurde heute in der größten Zeitung der Färöer Inseln, Dimmalaetting, veröffentlicht. Es ist ein Brief des Sea Shepherd Undercover-Agenten Peter Hammarstedt an die Färöer Bevölkerung.

30. Juli 2010

An die Bewohner der Färöer Inseln,

Es ist über eine Woche her seit ich in Klaksvik war und ich habe gelesen, dass seitdem eine weitere Grind in Torshavn stattgefunden hat. Das überrascht mich nicht, denn Veränderungen brauchen Zeit. Ich habe nicht erwartet, dass die Grind über Nacht abgeschafft würde, nur weil ich ein paar Fotos gemacht habe. Aber ich bin weiterhin optimistisch, denn wenn ich die Geschichte betrachte, bin ich sicher, dass das Schlachten eines Tages eingestellt wird.

Der Walfang hat dazu beigetragen, das Land Australien aufzubauen. Die Küsten der Insel Tasmanien sind übersät mit alten Walfangstationen. Eine einzige Walfangstation in Queensland an der Nordostküste des Landes hat Mitte des 20. Jahrhunderts 6.277 Buckelwale in einem einzigen Jahrzehnt gefangen. In den 50er und 60er Jahren fing eine Walfanggesellschaft in Westaustralien im Durchschnitt 1.000 Pott- und Buckelwale pro Jahr.

Doch am 20. November 1978 wurde in Australien der letzte Wal harpuniert. Eine wachsende Lobby australischer Umweltschützer, zum Teil unter Leitung der Tochter des damaligen Premierministers Malcolm Fraser, überzeugte Fraser, den Walfang für immer zu beenden und das zu tun, wovon er „schon längst wußte, dass es richtig war“. Nur dreißig Jahre später ist Australien der schärfste Walfanggegner in der Internationalen Walfangkommission und hat kürzlich sogar seine Absicht angekündigt, den japanischen Walfang in der Antarktis wegen seiner illegalen Walfangaktivitäten vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Traditionen verändern sich, weil manchmal eine Änderung des menschlichen Bewußtseins es verlangt.

Der Anblick der Nachernte der Grind in Klaksvik war nicht mein erster enger Kontakt mit gestrandeten Pilotwalen. Über ein Jahr zuvor war ich Teilnehmer einer Rettungsaktion in Australien, wo 174 Wale auf einer einsamen Insel gestrandet waren. Von den 54 Pilotwalen, die lebend gestrandet waren, sind 53 von Sea Shepherd-Freiwilligen, Inselbewohnern und Naturschutzpersonal einer Vereinigung von Regierungsbehörden ins offene Meer zurückgebracht worden. Das Wetter war plötzlich schlechter geworden und verzögerte unsere Bemühungen, den letzten verbliebenen Meeressäuger zu retten. Fast drei Tage saßen wir an ihrer Seite und bedeckten sie mit nassen Tüchern, um sie vor der sengenden Sonne zu schützen. Wir gossen Eimer voll Wasser über sie, während wir ihren Atem beobachteten.

Als der Wind sich legte, legten wir ihr Gurte um und zogen sie zwischen zwei Jet-Skis aufs offene Meer hinaus. Hundert Meter von der Küste entfernt begann sie, sich aus den Schleppseilen zu lösen und vom Hubschrauber aus konnten wir sehen, dass sie geradewegs auf ihre Familie zusteuerte. Sie hatten die drei Tage auf sie gewartet, knapp eine halbe Meile vor der Küste. Seither habe ich keinerlei Zweifel an der Komplexität ihrer sozialen Verbände und manchmal denke ich, dass Meeressäuger fähiger als wir Menschen sind, Empathie und Mitgefühl zu zeigen.

Es erstaunt mich, dass die australische Regierung und die australische Öffentlichkeit bereit waren, zur Rettung eines einzelnen Wales ein Team von 10 Naturschutzexperten und Wissenschaftlern aufzubieten, nachdem 30 Jahre vorher ein Wal tot mehr wert war als lebendig. Es war diese Geschichte, an die ich denken mußte, als ich eine anonyme E-Mail eines Färöer Staatsangehörigen erhielt. Diese Person teilte mir mit, dass ungefähr zur gleichen Zeit, als ich in Australien war, ein Orka im Hafen von Klaksvik gestrandet war. Ortsansässige rannten hinunter zum Küstenstreifen, aber diesmal ließen sie ihre grindaknivar* und soknaronguls** zu Hause. Gewaltige Anstrengungen wurden unternommen, um den Orka aufs offene Meer zurückzubringen und wäre nicht ihre sich verschlechternde Gesundheit gewesen, hätte sie überlebt. Ich habe Grund, zuversichtlich zu sein, dass die Grind eines Tages zu Ende sein wird.

Kultur und Tradition sind bedeutsam, aber wie Mahatma Gandhi einst sagte „die Größe einer Nation und ihr moralischer Fortschritt können danach beurteilt werden, wie sie ihre Tiere behandelt“. Der Pilotwal hat der Färöer Bevölkerung über Jahrhunderte geholfen zu überleben, aber heutzutage, wo die Färöer Inseln über einen der höchsten Lebensstandards der Welt verfügen, ist die Grind nicht mehr nötig für den Lebensunterhalt. Wie Australien sind die Färöer Inseln in der Position, Walbeobachtung der Waljagd vorzuziehen, Mitgefühl der Schlächterei vorzuziehen. Manchmal tun wir die Dinge, die wir eben tun, ohne viel nachzudenken, weil wir Gewohnheitstiere sind. Ich glaube ernsthaft, dass die Menschen der Färöer sich eines Tages entscheiden werden, die Grind aufzugeben, nicht weil ich denke, dass Sie sollten, sondern weil es „das Richtige ist“ – nicht nur wegen der Grausamkeit, die Teil der Abschlachtung ist, oder der Auswirkungen auf die Umwelt, sondern auch wegen der Schwermetallbelastung, die im Fleisch gefunden wurde.

Als Seefahrer und Umweltschützer bin ich auf allen sieben Kontinenten gewesen und kann nicht mehr zählen, wie viele Länder ich besucht habe und ich muss sagen, dass ich nie an einem schöneren Ort gewesen bin als den Färöer Inseln. Darum tut es mir weh, dass ich eines der bestgehüteten Geheimnisse des Tourismus nicht erwähnen kann, ohne darauf hinzuweisen, dass sich jeden Sommer die Gewässer dieser wunderschönen Inseln blutrot verfärben. Ich sehne den Tag herbei, an dem die Färöer Inseln nicht wegen der grausamen Grind bekannt sind, sondern wegen der eindrucksvollen Songs der Annika Hoydal, der wunderschönen Dichtung des Roi Patursson, der beeindruckenden Schluchten und Fjorde an Orten wie Gjogy und der Herzlichkeit der Färöer Menschen.

Hochachtungsvoll,

Ihr Peter Hammarstedt
Erster Offizier, M/Y Bob Barker
Sea Shepherd Conservation Society

Sea Shepherd unterstützt die Pilotwal-Rettungsaktion
In Naracopa, Australien am 3. März 2009

* Grind-Schlachtmesser
** schwerer Eisenhaken, der in die Blaslöcher geschlagen wird; s.a. http://www.flickr.com/photos/7692825@N03/3060943279/ (Anm.d.Ü.)

|sea: Meer; See; Seegang

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4 Antworten auf Sea Shepherd Undercover-Agent wendet sich an die Bewohner der Färöer Inseln

  1. Neuhaus Angela sagt:

    STOPPT DAS MASSACKER AUF DEN Färöer-INSELN!!!!!!
    Ich bin entsetzt über die Abschlachterei auf den Färöer Inseln.
    “In der Bucht beginnt dann das grausige Massaker das auch zum “Mannwerden” dient. Junge Männer stellen Ihr Können unter Beweis und hacken, stechen auf die Wale ein. ” So wurde mir das übermittelt. Die Calderons werden gejagt und auf brutalste Weise, was nur ein Mensch machen kann, umgebracht.
    JAGD IST EINE UMSCHREIBUNG EINES BESONDERS FEIGEN MORDES AN EINEM CHANCENLOSEN MITGESCHOEPF.

  2. Kathrin sagt:

    STOPPT endlich dieses MASSAKER!! Dies ist abartig und Niederträchtig!!!
    Der Mensch ist die größte BESTIE!!!

  3. Johanna Schönberger sagt:

    Sehr geehrter Herr Peter Hammarstedt!

    Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr Engagement, und ich bedanke mich für diesen berührenden, wertschätzenden Artikel!

    Mein Sohn muss für die Schule einen Bericht über Walfang verfassen. Er ist erst 12 Jahre alt, und bemüht sich, dies aus den greifbaren Unterlagen zu bewerkstelligen.
    Ich als Mutter möchte ihm dazu einen umfassenden Einblick ermöglichen.
    Außerdem werde ich seiner Klasse das Geschenk eines Aufsatzes machen, der auf die Situation dieser großartigen Lebewesen und ihrer globalen Heimat eingeht.
    Weil es mir ein persönliches Anliegen ist die Jugend zu unterstützen, ihren Blick zu weiten, und ihr Mitgefühl zu schulen.

    Ohne Verurteilung anderer Lebensweisen und Traditionen soll es sein. In der ehrlichen Betrachtung all dessen was ist.

    Ich gehe davon aus, dass Sie direkter Zeuge sind, wenn diese fühlenden Wesen sterben müssen. Und ich anerkenne, dass es Ihnen trotzdem gelingt, eine Haltung in Respekt zu bewahren. Zum höchsten Wohle allen Lebens, für eine Zukunft in Verbundenheit auf unserem gemeinsamen Planeten.

  4. Seiji Oujiru sagt:

    Weiß jemand, ob es einem Fremden möglich ist, an einem Grind teilzunehmen?

    In einem Blog voller Ökos den Walfang zu verteidigen ist eine Sache. Doch es wäre interessant zu wissen, ob es mir genauso so leicht fiele, einen Wal zu töten, wie es den Anhängern Sea Shephers leicht fällt, einen Wal zu beschützen.

    Fleisch kommt nunmal für die meisten Menschen aus dem Supermarkt, egal ob es sich um Schwein oder Wal handelt. Und ein Europäer würde sicher zögern, im Schlachthof ein Schwein mit einem Blozenschuß zu töten. Doch würde ich zögern, einem Wal ein Schwert in sein Blasloch zu rammen?