Bericht von der Taiji-Kampagne

Orginal: http://www.seashepherd.org/news-and-media/news-100910-1.html

Freitag, 10. September 2010

Taiji, in der Präfektur Wakayama, ist ein verschlafenes kleines Fischerdorf an der Ostküste von Japan, rund vier Fahrstunden vom Internationalen Flughafen Osaka (Kansu) entfernt. Taiji wird als Geburtsstätte des traditionellen Walfangs in Japan betrachtet, mir einer Geschichte, die bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht.

Wenn man von Osaka nach Taiji die Küste herunter und herum fährt, wird man sehen, dass die ganze Küste mit ähnlichen kleinen Städtchen übersät ist – alle mit der gleichen Art Häfen und kleinen Fischerbooten.

Was Taiji von anderen Städten unterscheidet ist die Weigerung zu akzeptieren, dass es Alternativen zu diesem lange aufrechterhaltenen Brauch der Abschlachtung kleiner Meeressäuger gibt. Dem größten Teil der Welt war nicht bewußt, dass das geschieht, bis Ric O’Barry es der Welt mit dem Drehen und Vorführen seiner preisgekrönten Dokumentation „The Cove“ ins Bewußtsein rief.

„The Cove“ war nicht das erste Mal, dass die hiesigen Praktiken Aufmerksamkeit auf sich zogen; 2003 waren die Sea Shepherd – Aktivisten Alex Cornelissen und Allison Lance in Haft genommen worden, weil sie die Netze in der berüchtigten Bucht zerschnitten hatten und sie wurden vier Wochen festgehalten, bevor man sie aus Japan auswies.

Bei unserer Ankunft in Taiji am 31. August 2010 mit einer kleinen, aber erlesenen Gruppe freiwilliger Sea Shepherd-Aktivisten – alle aus Brisbane, Australien – entdeckten wir, dass es in der Stadt anders zuging, als wir erwartet hatten. Die Flotte aus Fischerbooten, die für die Delfin-Treibjagd eingesetzt wird und die uns aus kürzlich im Internet verfügbaren Informationen bekannt war, lag untätig im Haupthafen. Eine anfängliche Fahrt entlang der Bucht an unserem ersten Tag in Taiji, dem letzten garantiert sicheren Tag für die Delfine bis zum April 2011, ergab keine Konfrontationen mit militanten Jagdbefürwortern oder anderen Gegnern. Eigentlich war die Stadt alles andere als menschenleer.

Nachdem wir in unser Quartier eingecheckt hatten, begaben ein anderer Sporttaucher, zwei Kundschafter und ich uns zurück in die Stadt, um herauszufinden, welche Vorbereitungen zum Start einer möglichen sechsmonatigen Schlächterei im Gange waren. Wir waren in der Lage, einen beiläufigen Spaziergang hinunter zum Strand in der Bucht zu unternehmen, der von der Straße zur Stadt hinein einsehbar ist. Es gab keine Überwachung oder Beobachtung vom benachbarten Parkplatz aus, wie wir erwartet hatten. Wir legten unsere Schnorchelausrüstung an und schwammen herum in die versteckte Killerbucht – das war eine verstörende Erfahrung – in einem Gewässer zu schwimmen, in dem jährlich bis zu 2000 Tümmler und Rundkopfdelfine, Schwertwale und Pilotwale abgeschlachtet wurden, fühlte sich nicht gut an.

Unsere Schwimmrunde in und außerhalb der Killerbucht verlief ohne Zwischenfall, bis auf die Aufmerksamkeit eines Paares, die sie auf sich zog und das zu filmen begann und ein kurzes Interview mit uns durchführte. Diese Aktion machte prompt die örtliche Polizei auf uns aufmerksam. Mit der Schnorchelausrüstung in der Hand versuchten wir, aus der Bucht hinaus zu gelangen, aber wir kamen nicht weit, bis wir durch zwei Polizeibeamte der örtlichen (Shingu) Polizei befragt wurden. Nach etwas spielerischem Geplänkel und überraschenderweise keinerlei Fragen, warum wir in der Bucht geschnorchelt hätten, schüttelten wir uns die Hand und brachen auf, um in unsere Pension traditionellen Stils in einer nahegelegenen Stadt zurückzukehren.

In dieser Nacht wandten sich zwei von uns im Schutz der Dunkelheit erneut der Stadt zu, bewaffnet mit Ausrüstung zur Dokumentation aller Aktivitäten sowohl innerhalb als auch außerhalb des Hafens und der Bucht, einschließlich der abgeschiedenen Killerbucht. Wir richteten uns für die Dauer unseres Beobachtungseinsatzes unentdeckt in unserer Position ein und um 3 Uhr nachts erschienen Lichter rund um die Stadt, als die Fischer zu ihrer täglichen Routine erwachten. Um 3:45 Uhr begannen die Fischer im Licht des Halbmonds und des sternenerleuchteten Himmels aus dem Hafen auszulaufen. Es war erst 5:30 Uhr, als eine Prozession aus an der Delfintreibjagd beteiligten Schiffen den Schutz des Haupthafens verließ und nach Osten in die aufgehende Sonne hinein auslief.

Kurz vor 8:00 Uhr kehrten die Boote aus derselben östlichen Richtung zurück. Diesmal nicht hintereinander in einer Reihe, sondern in einem weiten Bogen aus acht Booten in gleichbleibendem Abstand, langsam voranfahrend, und eine Herde panisch erschreckter Delfine oder Kleinwale ihrem verhängnisvollen Verderben entgegentreibend. Das einzige Geräusch war das monotone Dröhnen der Maschinen aus der Ferne. Zwei der größeren Boote aus der Flotte eilten voraus, um sich am Eingang zur Bucht aufzubauen und sicherzustellen, dass ihre Beute nicht entkam. Die Delfine müssen abgetaucht und die Richtung geändert haben, weil innerhalb weniger Minuten die Boote die Formation aufbrachen und wieder aufs Meer hinaus steuerten. Das war ein großer Tag für die Delfine, denn keiner wurde gefangen. Schnell wurde eine Pressemitteilung verfaßt, um die Welt zu informieren, dass die Jagd wieder aufgenommen wurde, wobei die erste erfolglos verlaufen sei.

Es war nicht nur die Welt, die diesen ersten Bericht zu hören bekam, sondern auch die Fischer und diejenigen, die beim Institut für Meeressäugerforschung (Institut for Cetacean Research) höhere Ämter innehaben, der Institution, die am meisten von den Verkäufen der Delfine in die Gefangenschaft und den alljährlichen illegalen Walfangeinsätzen in der Antarktis profitiert. Sie wußten jetzt, dass Vertreter ihres Erzfeindes, der Sea Shepherd Conservation Society, in der Stadt waren – beobachtend und abwartend!

Am folgenden Morgen wurde eine Schule Tümmler gefangen und in der Bucht beobachtet. Die Fischereiagentur der Stadt bestätigte, dass zwanzig gefangen wurden und ein Teil von ihnen für den Verkauf bereitgehalten würde und der Rest freigelassen.

Unser photographisches Beweismaterial bestätigte diese Äußerung. Die gefangenen Delfine wurden am Freitag, dem 3. September, manuell unter Einsatz kleiner Boote und von Hand getragener Bahren in die Haltepferche im Haupthafen gebracht, wo sie auf Sklavenhalter aus Aquarien und andere, Delfine in Gefangenschaft haltende, Unternehmen warten, die sie abholen; ihnen ist ein erbärmliches Leben vorbestimmt und sie werden gezwungen sein, eine unnatürliche Diät aus toten Fischen, gestopft mit Antibiotika und Antidepressiva, zu ertragen um zu überleben.

Das Wissen darum, dass ihre Vorgehensweisen genau überwacht werden, löste eine umgehende Aufstockung der Sicherheitsmassnahmen für die Haltepferche und rund um die Stadt mittels eines Teams von elf Polizei- und zwei Küstenwachen-Beamten aus. Sie bekamen Angst vor der Möglichkeit eines Rettungsversuchs für die Delfine. Sea Shepherd hat das 2003 getan und könnte es 2010 wieder tun!

Während unserer Zeit in Taiji wurden wir mehrere Male von der Polizei gestoppt, wobei wir niemals unsere wahren Absichten oder Zugehörigkeit einräumten. Wir trafen ebenso auf das Personal der japanischen Küstenwache, die wußten, dass ich diesen Angriff auf ihr Territorium leitete und mich warnen wollten, dass wenn ich eine zweite Sea Shepherd – Aktion gegen die Netze versuchte, ich strafverfolgt würde – die anderen aus meiner Gruppe wurden gewarnt, nicht mit mir in Verbindung zu treten!

Die Küstenwache ließ uns gehen, aber stellte sicher, dass wir beständig sowohl von Polizei- als auch von Fahrzeugen der Küstenwache verfolgt wurden, bis wir sie mit einer Reihe von Manövern in den Nebenstraßen von Kushimoto loswurden. Sie haben uns seitdem nicht wiedergefunden, trotz Versuchen, sich als Mittler für gefälschte Interviews auszugeben und uns innerhalb von Minuten ständig anzurufen während wir ihren Überwachungsversuchen entflohen.

Für die Fischer von Taihi sind die Delfine und kleinen Wale nur große Fische zum Fangen, Verkaufen und gezwungen in ein unnatürliches Leben in Delfinshows und Aquarien zum Amusement von Menschen – oder unmenschlich abgeschlachtet für ihren deutlich geringeren Wert als den von Fleisch. Diese Tiere sind belastet mit giftigen Chemikalien einschließlich PCB und Methyl-Quecksilber, die seit Beginn der industriellen Revolution die ozeanische Nahrungskette durchdringen.

Trotz wissenschaftlicher Beweise, die Grade von Schadstoffbelastung in dem Fleisch aufzeigen, welche die geforderten Grenzen für menschlichen Verzehr übersteigen, wird es weiter in Supermärkten verkauft und in Schulspeisungen vorgesetzt. Die hiesigen Bürger Taijis und die benachbarter Regionen sind Chemikalien ausgesetzt, die in Verbindung standen mit den katastrophalen neurologischen Problemen (bekannt als Minamata-Krankheit), die Menschen in Minamata erleiden mußten, als Quecksilber aus industriellem Abfall ihr Trinkwasser mit dem Gift verseuchte.

Der Bürgermeister von Taiji hat öffentlich verkündet, so lange er sein Amt innehabe, werde die Schlachtung von Delfinen und anderen Meeressäugern weitergeführt werden. Er argumentiert, dass Tradition und Bräuche die Fortführung der Delfintreibjagden garantieren und weigert sich zu erkennen, dass die Profitmacherei mit diesen Säugetieren im Namen menschlicher Unterhaltung ausschließlich ein neuzeitliches Phänomen ist.

Die Welt muss wissen, was in Taiji geschieht. Wir hegen keinen Groll gegen irgend jemanden in Taiji oder im weiteren Japan, mit Ausnahme derer, die in diese grausame und barbarische Schlächterei involviert sind, die Delfine fangen um sie auszubeuten und die, die von beiderlei Praktiken profitieren.

Wir haben uns mit vielen wunderbaren Einheimischen getroffen und mit ihnen gelacht, während unseres kurzen Aufenthalts in dieser schönen, kulturell reichen Region. Uns wurde Hilfe angeboten wann immer wir sie brauchten, bei weitem mehr, als ich in irgendeinem anderen Land erfahren habe, das ich besucht oder wo ich gelebt habe. Es ist bedauerlich, dass eine kleine Handvoll Leute fortgesetzt diese Gewässer mit Blut füllt und nach keiner Alternative sucht, wie es viele andere Städte sowohl in Japan als auch rund um die Welt längst zu tun entschieden haben.

Taiji ist nicht die Stadt, die durch den Verkauf und die Abschlachtung von Delfinen floriert; stattdessen stirbt sie langsam aus. Ihr Lebensnerv stirbt langsam ab, weil sich die jüngeren Fischer weigern, an der Schlachtung und den Profiten teilzuhaben, die ohnehin nur an die höheren Autoritäten gehen, die nur Habgier ohne jedes Mitgefühl kennen.

Tangalooma Resort, auf der Insel Moreton, Brisbane, war einmal der Standort von einer der berüchtigsten Walfangstationen Australiens, verantwortlich für die Dezimierung der Buckelwale innerhalb einer so kurzen Zeitspanne, dass sich der Bestand nie mehr erholt hätte, wenn sie nicht damals den Walfang eingestellt hätten.

Statt ihre 400 Jahre Walfang zu verbergen, könnte Taiji, wie Tangalooma Resort oder auch Futo in Japan, von Öko-Tourismus profitieren. Immerhin – wer will in eine Stadt reisen, die verantwortlich ist für den rituellen Mord an Meeressäugern?

Und schließlich, an diese Organisationen wie das Wal-Museum in Taiji, die Delfinarien und die Sea Worlds dieses Meeresplaneten – Ihr solltet Euch schämen! Eure Habgier ist die treibende Kraft hinter der Ausbeutung dieser herrlichen Geschöpfe und der Grund, dass die Delfinjagd an Orten wie Taiji fortgeführt wird. Diese Gier und die totale Geringschätzung dieser Säugetiere nimmt ihnen die Freiheit der Meere und zwingt sie in flache, künstliche Wasserbecken, wo sie Darbietungen erbringen müssen, um Nahrung zu bekommen – und wo ihnen die Möglichkeit entzogen ist, ihr natürliches Schwimmverhalten, die Jagd, das Paarungsverhalten und ihr Sozialverhalten auszuleben.

Es ist an der Zeit für uns Menschen, uns klar zu machen, dass der Besuch von Delfinen und Kleinwalen in Gefangenschaft in direkter Verbindung mit der alljährlichen Abschlachtung von über 20.000 Meeressäugern in Japan steht!

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