Färöer-Inseln: Friedhof der Schande

Orginal: http://www.seashepherd.org/news-and-media/editorial-100913-1.html

Montag, 13. September 2010

Färöer-Inseln: Friedhof der Schande

Kommentar von François-Xavier Pelletier

In der Morgendämmerung des 5. August 2010 wurden 83 Grindwale in einer schmalen Jagdbucht namens Leynar auf den Färöer-Inseln ermordet. Die Leichen wurden anschließend zu dem kleinen Hafen Kvivik transportiert, um dort in Stücke zerschnitten zu werden.

Einen Monat zuvor hatte mich die Sea Shepherd Conservation Society als Undercover-Aktivist auf die Färöer-Inseln geschickt, um die Grind Stop Kampagne vorzubereiten. Sie wurde auf der Golfo Azzuro durchgeführt, einem Schiff, das zusammen von Sea Shepherd und der Brigitte Bardot Stiftung genutzt wurde. Das Ziel war es so viele Grindwale wie möglich zu retten, indem wir jede Jagd störten, die wir entdeckten. Noch wichtiger war es, sämtliche Jagden gleich von Anfang an durch akustische Geräte zu verhindern, die Störsignale aussenden und die Wale dadurch von den Todesbuchten fernhielten.

Als ich mir die 23 zugelassenen Jagdbuchten genau anschaute, kam ich zu der Schlussfolgerung, dass das nächste Abschlachten höchstwahrscheinlich in Klaksvik stattfinden würde. Aber ich musste die Färöer-Inseln verlassen; mein Platz war an Bord der Golfo und ich musste in Holland an Bord dieses Schiffes gelangen. Ich sollte als Experte in Sachen Grindwaljagd und als strategischer Berater an Bord fungieren.

Ein paar Tage nachdem ich die Inseln verlassen hatte, schickte Sea Shepherd einen anderen Undercover-Aktivisten auf die Färöer-Inseln: Peter Hammarstedt. Während er sich in Klaksvik aufhielt, konnte er dokumentieren, dass 236 Grindwale unter solch entsetzlichen Umständen abgeschlachtet wurden, dass diese einzelne Grindwaljagd sogar von den Fähringern selber kritisiert wurde.

Ich erwartete nicht, dass eine Grindwaljagd in der Bucht von Leynar stattfinden würde, denn sie war zu eng und lag zu nahe an wichtigeren Buchten. Und doch wurde eine Gruppe von Walen, die plötzlich aus dem Nichts erschienen war innerhalb von zehn Minuten in die Bucht getrieben, nachdem sie jemand vom Fenster aus entdeckt hatte. Innerhalb von sieben Minuten lagen sie alle abgeschlachtet am Strand.

Es geschah so schnell, dass die Golfo nicht einschreiten konnte. Ich wollte aber wissen wohin die Leichen gebracht wurden. Deshalb ging ich mit Lamya Essemlali, Präsident von Sea Shepherd Frankreich und Kampagnenführer von Grind Stop an Land. Im ganzen Dorf roch es nach Tod; einige Fleischstücke lagerten immer noch dort in Müllsäcken. Zwei LKWs luden die übrigen Leichen auf und verschwanden. Ohne Auto konnten wir ihnen nicht folgen. Ein Fischer wusch das restliche Blut vom Boden ab. Er bat uns ihm zu folgen und zeigte uns einen Walkopf, der an einem Seil am Hafeneingang hing. Er wurde als gewöhnlicher Köder verwendet. Diese Respektlosigkeit widerte mich an. Am nächsten Sonntag um fünf Uhr früh war ich wieder zurück an Bord unseres kleinen Zodiacs, um während eines Tauchgangs zu dokumentieren, was die Fähringer mit den ermordeten Walen machen.

Ich wollte den Ort finden, wo sie die Leichenreste entsorgen, um herauszubekommen, ob die färöische Tradition, alle getöteten Wale zu essen auch respektiert wird. Unsere Bemühungen, Informationen über einen versteckten Walfriedhof zu beschaffen, waren alle umsonst, denn das Geheimnis war wohlbehütet.

Zum Glück führten mich etwas Kombinationsgabe und eine sonderbare und fast mystische Eingebung genau zu der Stelle, wo sich in 24 Metern Tiefe ein hundertjähriger Grindwalfriedhof in einer Spalte befand. Mir war übel. Die Leichen der 86 Grindwale, die am 5. August umgebracht wurden, waren dort aufgehäuft. Ihre Köpfe tanzten mit der Strömung. Sie sahen beinahe lebendig aus und ich hatte das eigenartige Gefühl, dass sie nach Hilfe riefen. Was mir dort unten passierte, war höchst seltsam. Ich wusste, dass mir niemand glauben würde, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ein stilles Universum betreten hatte, in dem die Wale vor Verzweiflung schrieen.

Das Bild war erschütternd. Föten waren mit kompletten Körpern von Alttieren gemischt und es waren auch viele Jungwale darunter. Es war solch eine Verschwendung, dass dies nicht einmal Jäger tolerieren würden.

Zurück an Bord der Golfo war ich schockiert und noch entschlossener als jemals zuvor, solange zu kämpfen bis wir diesen apokalyptischen und anti-traditionellen Mord beendet haben. Ein kompletter toter Wal trieb neben unserem Schiff im Wasser. Wie kann jemand glauben, dass die Grindwaljagd immer noch notwendig ist? Diese so genannte „Tradition“ ist heute nichts weiter als eine blutige Jagd von Machos, die Potenz demonstrieren und die zuschauenden Mädchen am Strand beeindrucken soll. Sie ist ähnlich wie der Stierkampf und eine Schande für die Fähringer, die im Hinblick auf andere menschenbezogene, soziale und sogar ökologische Themen so außergewöhnlich sein können.

Als Erinnerung an eine frühere Zeit als die Fähringer mein Boot versenkt, die vier Reifen meines Autos zerstochen und mich ins Gefängnis geworfen hatten, weil sie mir das Filmen der Grindwaljagd vorwarfen, schrieb ich eine Nachricht auf eines der akustischen Geräte, die wir in der Bucht von Vagur, wo ich verhaftet worden war, hinterließen. Die Nachricht lautete:

„Vagur. In Erinnerung an 1987. Bis bald. François Xavier Pelletier.”

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