Leidenschaft, Mitgefühl, Professionalität, Geduld und Beharrlichkeit

Quelle: http://www.seashepherd.org/news-and-medi…l-101007-1.html

Kommentar von Kapitän Paul Watson

Als leitender Organisator von Sea Shepherds Operation Keine Kompromisse trage ich die Verantwortung für die Vorbereitung dreier Schiffe, eines Hubschraubers und fast 100 Besatzungsmitgliedern für eine viermonatige Fahrt in eine der entlegendsten und feindlichsten Gegenden der Erde.

Dies beinhaltet mehr als ein paar schwierige Entscheidungen zu treffen, wie z.B. Besatzungsmitglieder aussuchen und taktische Vorüberlegungen anstellen. Es müssen darüber hinaus Vorräte und Ausrüstung, Treibstoff und Einsatzmittel, logistische Unterstützung und solche an Land organisiert werden.

Die Sea Shepherd Conservation Society ist eine kleine Organisation. Warum wir unsere Aktivitäten mit wenigen Mitarbeitern durchführen können, liegt daran dass wir passionierte, engagierte und entschlossene Freiwillige haben, von denen die meisten hinter den Kulissen arbeiten. Doch jeder einzelne von diesen Freiwilligen ist bereit ohne Eigennutz hart und lange unter extremen Wetter- und Seebedingungen zu arbeiten.

Diese Freiwilligen sind und waren schon immer die Stärke dieser Organisation. Wenn sich Kritiker darüber lustig machen, dass die meisten meiner Besatzungsmitglieder unerfahrene und unprofessionelle Seeleute sind, kann ich nur sagen, dass ich professionelle Besatzungsmitglieder nicht dafür bezahlen könnte, solche Risiken aufzunehmen wie es meine Freiwilligen tun. Außerdem könnten Profis niemals das erreichen, was diese Männer und Frauen, die aus aller Welt kommen, erreichen können.

Der Antarktis-Forscher Ernest Shackleton wurde auch einmal dafür kritisiert, dass sich unter seiner Mannschaft Amateure befanden. Er antwortete, „Ich brauche Männer mit Leidenschaft, um mich dorthin zu bringen, wo ich hin muss.“

Und Sea Shepherd braucht leidenschaftliche Männer und Frauen, die mit uns arbeiten, um die Wale zu verteidigen.

Wenn Kritiker sagen, dass es gefährlich ist in See zu stechen und unsere Schiffe durch Stürme und Eis zu fahren, um Wale mit meiner Mannschaft zu verteidigen, dann kann ich nur entgegnen, dass ich seit 1977, während über 300 Seefahrten kein einziges Besatzungsmitglied durch einen Unfall verloren habe und keines meiner Besatzungsmitglieder schwer verletzt wurde.

Während der sechs Fahrten in das Südpolarmeer haben wir keinen einzigen Walfänger verletzt. Auch unsere Besatzungsmitglieder blieben unverletzt, von ein paar Schnitten, Prellungen und Schürfwunden abgesehen. Es gab keine Ölkatastrophe und auch kein Feuer an Bord.

Doch auf den Walfangschiffen, auf denen Profis arbeiten, gab es drei Todesfälle und zahlreiche Schwerverletzte. Es kam zu Ölkatastrophen und zwei katastrophalen Bränden. Professionalität kann mit Sicherheit anscheinend nicht gleichgesetzt werden.

Am 2. Dezember werde ich 60 Jahre alt. An diesem Tag werden wir auch von Tasmanien aus zur Operation Keine Kompromisse aufbrechen.

Wenn ich gefragt werde, was ich mache, wenn ich in Ruhestand gehe, dann antworte ich, dass ich nie die Absicht habe dies zu tun. Was ich tue ist keine gewöhnliche Arbeit, sondern mein Leben und in Ruhestand geht man erst mit dem Tod.

Meine leidenschaftliche Hingabe an die Wale geht auf ein Erlebnis im Juni 1975 zurück, als ich 24 Jahre alt war. Bob Hunter und ich waren die ersten beiden Menschen, die sich vor der kalifornischen Küste zwischen eine Harpune und die Wale positionierten als wir uns der sowjetischen Walfangflotte in den Weg stellten.

Eine Harpune wurde über unsere Köpfe gefeuert und traf ein Pottwalweibchen, welches sich in einer Schule von acht Pottwalen befand. Sie schrie und der größte Wal der Schule, ein großes Männchen, schlug mit seiner Schwanzflosse auf das Wasser und tauchte ab. Er schwamm unter unserem Boot hindurch, kam hinter uns aus dem Wasser und attackierte den sowjetischen Walfänger, um seine Schule zu verteidigen.

Doch sie warteten schon auf ihn und feuerten ihm mit einer seillosen Harpune mitten in den Kopf. Der Wal schrie vor Schmerzen und fiel ins Meer zurück, welches sich schnell rot färbte. Als er sich vor Qual auf der Wasseroberfläche hin und her warf, schaute ich in sein Auge und er tauchte ab. Ich sah wie eine Spur blutiger Blasen auf mich zukam.

Plötzlich brach sein Kopf durch die Oberfläche und er stieg so aus dem Wasser, dass er uns überragte. Als sich sein blutender Kopf erhob, blickte ich in sein Auge – ein Auge so groß wie meine Faust. Was ich dort sah, ist der Antrieb dafür, dass ich bis zum heutigen Tag das tue, was ich tue. Ich sah Verständnis. Dieser Wal verstand, was wir taten und ich konnte sehen, wie sich seine Muskeln anspannten als er sich selbst zurückwarf und sein Kopf zurück ins Meer sank. Ich sah wie sein Auge unter der Oberfläche verschwand und er starb.

Er hat unser Leben verschont. Er hätte uns töten können, doch er ließ uns leben und ich schulde diesem Wal mein Leben.

Und ich sah noch etwas anderes in diesem Auge. Ich sah Mitleid. Doch nicht mit sich selbst, sondern mit uns. Mitlied, dass wir als Art so gedanken- und rücksichtslos töten können. Und für was? Die Russen töteten Pottwale, um Spermaceti-Öl zu gewinnen, welches ein hervorragendes Schmieröl für Maschinen war. Eines der Anwendungsgebiete dieses Öls war die Produktion von Interkontinentalraketen.

Und als die Sonne hinter dem jetzt treibenden Körper eines so wundervollen Lebewesens unterging, fuhr mir ein Gedanke in den Kopf, der so eindringlich war, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief: Die menschliche Spezies muss wahnsinnig sein.

Und an diesem Tag entschloss ich mich das zu tun, was ich für die Wale tue. Und ich verteidige Wale und andere Meeresbewohner jetzt seit 35 Jahren.

Ich werde dies solange tun bis ich sterbe.

Über die Jahre habe ich viele Männer und Frauen kommen und gehen sehen. Die meisten kommen mit glühender Leidenschaft, brennen schnell aus und verschwinden. Andere – leider viel weniger – kommen mit einer beständigen Leidenschaft und behalten diese bei.

Beide bringen sich auf ihre eigene Art und Weise ein, denn die Bewegung braucht die heißblütigen Menschen, die in der Schlacht die Mauern stürmen und sich dann zur Ruhe setzen und sie braucht die Strategen, die den lang andauernden Kampf Jahr um Jahr ohne Rückzug oder Aufgabe weiterführen.

Während der Verteidigung unserer Meere hatte ich die Ehre Männer und Frauen zu treffen und kennen zu lernen, die Jahr für Jahr ihren Kurs beibehalten haben ohne zu pausieren oder zu klagen. Ihre Geduld und Beharrlichkeit ermöglicht es ihnen von einer Schlacht zur nächsten zu gehen.

Dies sind Menschen wie Ric O’Barry, mit dem ich 1977 das erste mal zusammensaß und Strategien entwarf. Für Ric waren damals die Delfine das Wichtigste und sind es heute noch. Und er wird die Delfine bis zu dem Tag verteidigen, an dem er stirbt.

Hardy Jones, der 1978 als erster nach Japan ging, um das Abschlachten von Delfinen zu dokumentieren und auch heute noch für die Delfine eintritt.

Sylvia Earle, deren Leidenschaft für die Meere seit Jahrzehnten leuchtend glüht. Rebecca Aldworth und ihr ausdauernder Kampf für die Sattelrobben in Kanada und Francois Hugos langjährige Hingabe an die Verteidigung der Kap-Robben in Südafrika. Terri Irwin und ihr verstorbener Ehemann, der unbeschreibliche Steve Irwin. Und auf dem Land Leute wie Birute Galdikas und ihre lebenslange Hingabe an die Orang Utans, Jane Goodall an die Schimpansen und Diane Fossey an die Berggorillas.

Es ist diese beständige, geduldige Beharrlichkeit, die ich bei so vielen der genannten Personen sehe, die mich optimistisch bleiben lässt, dass wir letztendlich etwas verändern können. Und dies trifft in besonderem Maße zu, wenn ich mir meine Mannschaften anschaue. Viele kommen und gehen. Einige verschwinden nach einer Kampagne für immer, doch einige sind immer dabei und kehren Jahr für Jahr zurück.

Und so ist es auch dieses Jahr. Wir nehmen neue Besatzungsmitglieder auf und begrüßen wieder unsere Veteranen.

Dave Nickarz verlässt seine Frau, gibt seinen Beruf in Winnipeg auf und fliegt auf eigene Kosten nach Australien, um wieder auf der Steve Irwin anzuheuern. Er tut dies jedes Jahr. Laura Dakin kam 2005 auf den Bermudas an Bord und ist jetzt unsere Chefköchin. Locky MacLean aus Kanada kam 2001 als Koch mit seiner brasilianischen Frau Barbara zu uns. Jetzt ist er Sea Shepherd Kapitän, genauso wie Alex Cornelissen, der 2005 auf den Galapagos zu uns stieß. Jetzt ist er dort Sea Shepherd Leiter und wird im Dezember Kapitän der Bob Barker sein. Shannon Mann aus Kanada kam 2007 zu uns und ist auch diese Saison wieder dabei. Die Französin Lamya Essemlali stieß 2005 zu uns und ist jetzt Sea Shepherd Leiterin in Frankreich. Der frühere U.S. Marine Chris Aultman wird wieder zur sechsten Antarktis Kampagne als Hubschrauberpilot zurückkehren. Peter Hammarstedt aus Schweden begann bei Sea Shepherd 2005 mit 19 Jahren und ist bei uns jetzt Erster Offizier. Diese leidenschaftlichen Menschen sind nur die Spitze des Eisbergs von 4000 Besatzungsmitgliedern, die bei Sea Shepherd seit 1978 auf ungefähr 300 Seefahrten auf zehn verschiedenen Schiffen im Einsatz waren.

Manchmal empfinde ich einfach nur Ehrfurcht vor dem Tatendrang und der Entschlossenheit dieser unglaublichen Menschen. Sie machen Sea Shepherd zu dem, was sie ist – die leidenschaftlichste, aktivste und wirksamste Meeresschutzorganisation der Welt.

Es gibt noch eine andere, unauffällige Seite von Sea Shepherd und das ist die unglaubliche Unterstützung von Menschen aus aller Welt, die uns Spendengelder zur Verfügung stellen. Dies sind die Menschen, die uns buchstäblich über Wasser halten und uns unsere Aktivitäten erst ermöglichen.

In diesem Jahr konnten wir einige unglaubliche Dinge tun: Wir haben die japanische Walfangquote halbiert. Wir sind gegen illegale Blauflossenthunfischfänger im Mittelmeer eingeschritten, wobei wir 800 dieser riesigen Fische aus dem Netz eines Wilderers befreit haben. Wir haben eine Mannschaft auf die dänischen Färöer-Inseln geschickt, um Grindwale zu verteidigen, wir haben eine Mannschaft auf der japanischen Insel Taiji, welche permanent die japanischen Delfinmörder überwacht und wir installieren ein AIS Überwachungssystem für eine Million Euro, um Wilderer auf den Galapagos-Inseln abzuschrecken. Außerdem gehen wir gegen illegale Fischerei in Brasilien vor.

Sea Shepherd ist auf der ganzen Welt aktiv und alle, die daran beteiligt sind, von den Schiffsmannschaften bis zu den Unterstützern an Land, sind Hüter und Wächter der Meeresbürger – vom Plankton bis zu den Großwalen.

Ich bin ein Meereshüter und das bist du auch, und wir alle müssen Meereshüter sein. Denn wenn es uns nicht gelingt unsere Meere zu verteidigen und wir die Artenvielfalt verlieren, die die Intaktheit aller Meeres-Ökosysteme aufrecht erhält, werden die Meere sterben… Und wenn die Meere sterben, sterben wir!

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