Sollten wir Papier-Wale, virtuelle Wale oder richtige Wale retten?

Original: http://www.seashepherd.org/news-and-media/editorial-101222-1.html
Kommentar von Kapitän Paul Watson

Als Mitbegründer der Greenpeace Foundation mache ich mir etwas Sorgen, dass die derzeitige Greenpeace-Führung den Bezug zur Realität verliert. Greenpeace sendet keine Schiffe mehr in die Antarktis, um Wale zu verteidigen. Stattdessen haben sie jetzt ein Videospiel, bei dem Wale auf virtuelle Weise gerettet werden können. Warum sollte man auch den langen Weg zur entlegenen, kalten und feindseligen Küste der Antarktis zurücklegen, wenn man Wale mit dem Spiel „Greenpeace rettet die Wale“ im Wohnzimmer spielen kann?

Übrigens: Wenn Sie Greenpeace heute eine Spende zukommen lassen, dann wird Greenpeace in Ihrem Namen einen richtigen Origami-Wal aus Papier an Präsident Obama schicken.

Dies ist der neueste Aufruf von Greenpeace:

“Vor 35 Jahren wurde Greenpeace die erste Organisation, die sich den kommerziellen Walfangflotten auf hoher See in den Weg stellte.“

Doch jetzt tun sie das:

“Wenn Sie heute spenden, werden das Greenpeace-Team und ich auch einen Origami-Wal mit Ihrem Namen darauf an das Weiße Haus schicken. Und wir werden dafür sorgen, dass jeder Ihre Unterstützung wahrnimmt, indem wir die Bilder der Origami-Wale auf der ganzen Welt zeigen.“
John Hocevar, Meereskampagnen-Direktor von Greenpeace

John Hocevar war gerade einmal vier Jahre alt als Bob Hunter und ich unsere Körper zwischen acht flüchtende Pottwale und ein sowjetisches Harpunenschiff platzierten. All die Menschen, die damals dabei waren, sind heute nicht mehr bei Greenpeace. John kann also sagen, dass Greenpeace die erste Organisation war, die den kommerziellen Walfang bekämpft hat und andeuten, dass er damit gemeint ist. Ich kann aber sagen, dass ich und meine Schiffskameraden die ersten waren, die es wirklich getan haben und deshalb, weil wir die Wale vor unseren Augen sterben sahen und weil wir an diesem Tag fast selbst starben, haben wir immer noch eine feste Verbindung mit der Wirklichkeit des Walfangs.

Genau deshalb werde ich auch so wütend über die Trivialisierung von dem, was wir getan haben und was wir seit dreieinhalb Jahrzehnten machen. Für uns sind Wale keine Abstraktion!

Vor einigen Jahren schrieb John Hocevar auch:

“Ich freue mich auf einen Weltmeerestag, an dem ich mich mit einem Bier zurücklehnen und entspannen kann, weil ich weiß, dass sich die Meere in einem großartigen Zustand befinden. Ich hoffe aufrichtig, dass dazu keine Zeitreise oder eine intergalaktische Reise nötig ist.“

Nein, wie sich herausstellt, sind für John dazu Videospiele und Origami-Wale nötig.

Warum mich das wütend macht? Weil Sea Shepherd gerade drei Schiffe mit 88 Freiwilligen in die Antarktis schickt. Wir sind jetzt hier unten, erwarten die Mörder und sind bereit die Unschuldigen zu verteidigen. Wir sind Weihnachten nicht zu Hause und werden das neue Jahr nicht mit unseren Freunden und Familien einläuten und wir werden keine „Rettet die Wale“ Videospiele spielen, bei denen wir Zeichentrickwalfänger auf einem Computerbildschirm verfolgen.

Wir verwenden kein Geld für großartige Aufrufe per Brief und wir setzen keine bezahlten Werber auf der Straße jeder großen Stadt dieser Welt ein und betteln um Geld, von dem jeder Werber einen großen Anteil bekommt. Spenden, die an Sea Shepherd gehen, werden direkt für Kampagnen verwendet, weil ich vor vielen Jahren herausfand, dass es zwei Arten von Organisationen gibt: solche, die handeln und solche, die Briefe versenden.

Greenpeace war früher eine Organisation, die mit Schiffen und direkt vor Ort gehandelt hat. Sie hat Hand angelegt und schützte Wale effektiv vor dem Tod. Jetzt ist es eine Organisation, die Briefe verschickt, die posiert, in Büros sitzt, Geld sammelt und jetzt Origami-Wale herstellt!

Während Greenpeace das tut und John sich mit seinem Bier zurücklehnt, jagen wir wirkliche Walfangschiffe in Echtzeit. Dies ist das siebte Jahr, in dem wir die Urlaubszeit mit der Verteidigung von Walen am unteren Ende der Welt verbringen. Unsere Schiffe kosten sehr viel Geld und wir haben nicht genug davon. Es ist ein Kampf unsere Schiffe in Position zu bringen, sie zu betanken und sie mit Proviant zu versorgen. Greenpeace dagegen verfügt über eine hocheffiziente Geldbeschaffungsmaschinerie, die zehn Millionen von Dollar aufbringt, um „die Wale zu retten“.

Und was machen sie? Sie schicken Origami-Wale an den Präsidenten der Vereinigten Staaten! Nicht an den Premierminister oder den Kaiser von Japan, oder die Premierminister von Island, Norwegen oder Dänemark, sondern an den Präsidenten eines Landes, das sowieso gegen den kommerziellen Walfang ist und keinen kommerziellen Walfang betreibt!

Was stimmt an diesem Bild nicht? Die Antwort lautet: totaler Realitätsverlust. Es geht Greenpeace darum die Gelegenheit zu ergreifen, möglichst viel Spenden mit möglichst wenig Aufwand aufzubringen. Warum hunderttausende von Dollar für Treibstoff und Proviant, Ausrüstung und Unkosten ausgeben, wenn man irgendeine Firma damit beauftragen kann Briefe und Origami-Wale an den Präsidenten zu schicken?

Ich stelle mir gerade den Präsidenten der Vereinigten Staaten am Telefon vor: „Hi, Naoto. Entschuldigung, aber könntest du bitte deine nervigen Walfänger und deine widerwärtigen Delfinmörder zurückpfeifen? Ich werde hier mit diesen Origami-Teilen überschwemmt und um ehrlich zu sein, Herr Premierminister, hier muss etwas unternommen werden. Ja, ich weiß, dass ich dir nicht vorschreiben kann, was du zu tun hast, Naoto, aber Greenpeace hat mir gesagt, dass ich dir sagen soll mit dem Töten von Walen und Delfinen aufzuhören, weil sie nicht mögen, dass Sea Shepherd dir sagt, was du tun sollst und deine Schiffe behindert und so weiter. Und sie sagen, dass sie mehr von diesen lästigen Papierteilen schicken und wenn sie das machen, dann hab ich Al Gore am Hintern wegen all dem verschwendeten Papier und diese Art von Ärger brauche ich echt nicht, Naoto.“

Sea Shepherd hat ein Team im japanischen Taiji seit Anfang September und wir werden dort die gesamte Jagdsaison bis Ende März bleiben. Greenpeace hat sich hier nicht ein einziges Mal blicken lassen, um gegen das Töten vorzugehen und bezeichnet das Abschlachten als „Tradition“. Sea Shepherd ist seit 1999 auf den Galapagos und arbeitet mit den Parkaufsehern zusammen, um gegen Wilderer und das Abschlachten von Haien wegen ihrer Flossen vorzugehen. Greenpeace hat sich nie mit dieser Problematik befasst. Auch für die Robben und gegen den illegalen Fischfang tut Greenpeace nichts. Greenpeace ist sicher auch nicht im Südpolarmeer, wo das Töten schon nächste Woche beginnen könnte. Sie haben die Schiffe und die Mittel, aber sie sind mit Spendenbeschaffungsaktionen oder dem Aufhängen von Bannern beschäftigt.

Ich habe ihnen gesagt, dass wir ihre Hilfe brauchen könnten. Ich habe ihnen gesagt, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten würden und ihnen die Koordinaten der Walfänger durchgeben, wenn wir sie finden. Doch sie weigern sich zu antworten. Sie haben mir nicht einmal einen dieser Origami-Wale geschickt, um mich zu besänftigen. Man würde doch denken, dass sie das tun würden, wenn man berücksichtigt, dass sie daran glauben, dass die Origami-Wale den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika davon überzeugen Maßnahmen gegen Japan zu ergreifen.

Nein, sie wollen keine Spenden für ein Schiff und eine Mannschaft, um gegen die Walfänger einzuschreiten. Ihre Spende wird dazu verwendet, einen Origami-Wal aus Papier mit Ihren Namen darauf an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu senden.

Ich weiß nur, dass ich mich auf einem Schiff im Südpolarmeer mit hohem Seegang befinde und mein Stuhl hin- und her rutscht während ich diese Zeilen schreibe. Draußen heult der Wind und Schneeregen rutscht außen an den Bullaugen herunter. In der Zwischenzeit ist irgendwo dort draußen die japanische Walfangflotte und steuert auf das antarktische Walschutzgebiet zu, mit der Absicht über tausend Wale zu töten.

Und wo ist John? Er lehnt sich mit einem Bier zurück, höchstwahrscheinlich nach einer sehr teuren Weihnachtsfeier von Greenpeace. Und am Heiligabend wird er lächeln und dankbar sein, dass er zu Hause mit seiner Familie feiern kann, weil Greenpeace richtige Schiffe und wahre Leidenschaft mit Videospielen und Origami ersetzt hat, während er sich ein Stück Truthahn abschneidet und sich etwas Füllung auf seinen Teller auftut.

Gut gemacht, John! Wirklich gut gemacht!

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