Die Mörder von Namibias Stränden herausfordern

Sea Shepherd Crewmitglieder auf der Flucht aus Namibia

Bericht von Captain Paul Watson

Cape fur seals on the Cape Cross Seal Reserve

Cape Pelzrobben im Cape Cross Robbenschutzgebiet

Es kommt nicht oft vor, dass eine kleine Umweltschutzorganisation beschuldigt wird, eine Bedrohung für die nationale Sicherheit eines ganzen Landes zu sein. Gerade erst ist meine Crew nach Abschluss der Operation Desert Seal, einer verdeckten Sea Shepherd-Mission in Namibia, sicher nach Südafrika zurückgekehrt. Am Freitag, den 22. Juli habe ich sie endlich in KwaZulu-Natal, Durban, wiedergetroffen.

Unsere Mission war es, das schreckliche Schlachten von Robbenbabys entlang der windigen, kühlen Wüstenstrände von Afrikas Südwestküste, zu dokumentieren und an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich muss dazu sagen, dass es heutzutage wirklich schwierig ist, interviewt zu werden, besonders da unsere Fernsehshow Whale Wars selbst im Süden Afrikas sehr erfolgreich ist. Meine Aufgabe war es, vor Ort, im Cape Cross Robbenschutzgebietes Interviews zu geben und zwar an dem Tag, an dem das Abschlachten der Robbenbabys beginnen sollte. Ich habe wie geplant die Interviews gemacht, aber es war nicht ein einziger Robbenschlächter in Sicht. Offenbar hatten mich ziemlich viele Leute erkannt und daher war bekannt, dass Sea Shepherd an Namibias Küsten ist.

Aus diesem Grund war den Robbenschlächtern gesagt worden, sich vom Strand fern zuhalten und das diesjährige Töten verzögerte sich. Dieser Aufschub dauerte leider nur fünf Tage. Während dieser Zeit wurde das von uns gemietete Haus von Einbrechern überfallen und das, obwohl sich eines unserer weiblichen Crew-Mitglieder im Haus aufhielt. Glücklicherweise konnte sie entkommen. Als sie mit anderen Crew-Mitgliedern später zurückkehrte, stellten sie fest, dass die Kameras zerbrochen wurden und Reisepässe, Laptops und Geld verschwunden waren. An der Henties Bay wurden Kampagnenleiter Steve Roest und ein Mitglieder unseres Team von einer Bande Robbenschlächtern angegriffen. Als Steve aus einem Laden kam, sah er, wie eine unserer Crew-Mitglieder von einer Gruppe wütender Männer umzingelt und beschimpft wurde. Sie und Steve blieben jedoch ruhig und es gelang ihnen, ins Auto zu steigen und davonzufahren um in Sicherheit zu gelangen.

Crewmembers prepare for mission in the cover of the night

Im Schutz der Nacht bereiten unsere Crew-Mitglieder die Mission vor

Unsere Tarnung war aufgeflogen und wir waren gezwungen einen vorgetäuschten Rückzug zu inszenieren. Und damit dies auch glaubwürdig wirkte, musste ich das Land verlassen. Das tat ich dann auch durch die Wüste bis zum Flughafen von Windhoek mit der namibischen Geheimpolizei auf den Fersen. Der Rest des Teams teilte sich in Gruppen auf, um die Mission fortzusetzen.

Es war mein erster Besuch der Kolonie der Cape Pelzrobben in Namibia. Hier betreibt Hatem Yavuz, ein in Australien lebender türkischer Robbenpelzhändler das größte Robbenschlachten auf diesem Planeten, jährlich werden mehr als 90.000 Robben getötet.

Es war eine wunderschöne Erfahrung in Mitten von so vielen Robben zu stehen, in der größten Robbenkolonie die ich je in meinem Leben gesehen habe. Die Robbenbabys waren sehr niedlich und die enge soziale Bindung der Muttertiere zu ihren Jungen ist faszinierend. Aber den Babyrobben dabei zuzusehen, wie sie spielerisch mit ihren Altersgenossen herumtollten und gleichzeitig zu wissen, dass sie in den kommenden Tagen auf brutalste Weise tot geprügelt würden, brach mir fast das Herz. Auch die namibische Tourismusbranche weiß das, denn Cape Cross ist nicht nur ein Robbenreservat. Ironischer Weise ist es ebenfalls Namibias größte Touristenattraktion, die den Küstenregionen weit mehr Geld einbringt, als das Robbenschlachten.

Trotzdem bleibt das Problem, dass das Reservat nicht primär ein Touristenziel ist, sondern ein Ort des Massenschlachtens. Die Robbentotschläger kommen früh morgens und schlagen den Robbenbabys die Schädel ein. Gleich nach ihrer grausigen Arbeit kommt ein Bulldozer und überdeckt den blutigen Sand. Erst dann, wenn die Wahrheit sprichwörtlich und tatsächlich vergraben ist, ist es Touristen überhaupt erlaubt, das Reservat zu betreten, um sich das schöne und friedliche Schauspiel der Cape Robben in ihrer natürlichen Umgebung anzusehen.

Aber warum ist das so? Weil es Menschen wie Hatem Yavuz gelingt, mit Schmiergeldern an Regierungsangehörige und Polizei, weiterhin Konzessionen zur Robbenjagd in Namibia zu erhalten. Diese gesamte Jagd ist illegal und kann nur auf Grund der unverschämten Korruption namibischer Politiker, Bürokraten, Polizisten, und nun auch des Militärs weitergeführt werden.

Nachdem ich Namibia Anfang Juli verlassen hatte, gruppierten die Sea Shepherd Teamleiter, der Engländer Steve Roest und der Niederländer Laurens de Groot, ihre Mannschaften um, um ihren Plan, 15km offene Wüste bis zur Robbenkolonie an der Küste zu durchqueren in die Tat umzusetzen. Ihr Ziel war es, Kameras zu installieren und das grausame Treiben der namibischen Robbenschlächter aus der Ferne zu dokumentieren. Laurens führte ein Team mit einem Australier, mehreren Südafrikanern sowie einem namibischen Führer an. Die zweite Gruppe, das “Backup”-Team, bestand aus mehreren US-Amerikanern, einem Australier und zwei südafrikanischen Staatsbürgern.

(L to R) Laurens de Groot, Paul Watson, Steve Roest

(von links) Laurens de Groot, Paul Watson, Steve Roest

 

Die Crew grub sich in ihren gefütterten Schlafsäcken in den Sand des Strandes ein, um sich vor der Kälte zu schützen – es war alles andere als gemütlich. Eines der Crew-Mitglieder steckte in einem Loch und filmte gerade die Robbenschlächter wie sie in der Dunkelheit in Richtung Robbenkolonie fuhren, als er sich umdrehte und einen schwarzen Sahara-Skorpion erblickte, der seinen Stachel angriffslustig erhoben hatte, bereit jeden Moment zuzustechen. Nahezu Auge in Auge mit dem Skorpion, rollte er sich aus dem Loch, bis der Skorpion verschwunden war. Es war ihm nicht klar, dass Sahara-Skorpione ihr Gift auch spritzen können. So ungemütlich es auch war, gelang es dem Team doch, in der Dunkelheit ihre Positionen mit guten Blick auf den Ort des Schlachtens zu halten.

Es war ein guter Plan, aber letztendlich ist Sea Shepherd dem namibischen Militär nicht gewachsen. Unsere Crew wurde schließlich durch die Wärmebild-Kameras der vor der Küste liegenden Patrouillenboote entdeckt und Soldaten wurden in Richtung unseres Teams ausgeschickt. Durch ihre Nachtsichtgeräte konnten die Sea Shepherd Mitglieder die Soldaten erkennen und auch sehen, dass sie ebenfalls mit Nachtsichtgeräten ausgerüstet waren.

Seal clubbers taking a break

Robbenschlächter machen eine Pause

Es war ein langer und sehr anstrengender Lauf durch die Wüste und zurück zu den Fahrzeugen. Kurzzeitig ging ein Teilnehmer sogar verloren, da er kurz entschlossen in einer Salzmiene Unterschlupf suchte, um nicht entdeckt zu werden. Es gelang ihm aber, sich zur Gruppe zurück durchzukämpfen. Gerade als sie auf die Fahrbahn trafen, sahen sie schon die heranrasenden Polizeiwagen. Die Wagen fuhren dicht an ihnen vorbei, um so schnell wie möglich zum Strand zu gelangen, um unserer Crew dort den Fluchtweg abzuschneiden. Das Sea Shepherd Team nahm den Weg über die Berge. Die Fahrzeuge fuhren ohne Licht und mit Nachtsichtgeräten wurde Felsbrocken, Dünen und Klippen ausgewichen, bis sie sicher die Grenze Südafrikas erreichten. Es war eine gefährliche, anstrengende und unbequeme Fahrt, aber sie haben es geschafft, die südafrikanische Grenze zu erreichen, ohne geschnappt zu werden.

Und gerade noch rechtzeitig! Der namibische Präsident war aufgebracht; dies war nicht länger einfach nur Hausfriedensbruch. Präsident Hifikepunye Pohamba erklärte uns zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit und behauptete, dass die Robben abgeschlachtet werden müssen, damit sie nicht namibische Fische wegfressen. Und so endete unsere erste Aufklärungsreise an die blutigen Strände von Nam.

Warum mischt sich Sea Shepherd gerade jetzt ein? Weil wir, nach jahrelangem Kampf gegen das brutale Abschlachten der Robben in Kanada, feststellen konnten, dass der Markt für kanadische Robbenprodukte völlig zusammengebrochen ist. Obwohl das kanadische Ministerium für Fischereiwirtschaft die Quoten ständig erhöht, dieses Jahr sogar auf über 468.000 Robben, lag die Zahl der tatsächlich getöteten Tiere bei nur etwa 58.000. Damit ist nunmehr Namibia die Nummer 1 und führende Robbenschlacht-Nation des Planeten. Und wenn Sea Shepherd einmal ein Projekt begonnen hat, dann bleiben wir auch dabei, bis wir unsere Mission erfüllt haben. Unser erklärtes Ziel, den Markt für kanadische Robbenprodukte zu zerstören, haben wir erreicht und jetzt werden wir unsere Energien darauf verwenden, Namibia zu stoppen.

Police station in Namibia

Polizeistation in Namibia

Das wird nicht einfach werden. Ähnlich wie Kanada, hat auch Namibia Zivilisten verboten die Gräueltaten an den Stränden zu dokumentieren, um das Schlachten “unter dem Radar” zu halten. Aber im Gegensatz zu Kanada, drohen potentiell Zuwiderhandelnden in Namibia anstelle von Bußgeldern und leichter Prügel durch Polizeibeamte, schwere Gefängnisstrafen (und die Gefahr erheblicher, sogar lebensbedrohlicher körperlicher Misshandlungen). Namibia ist ein äußerst gefährliches Pflaster, sehr viel riskanter, als schwerer Eisgang oder die Verfolgung durch die kanadische Küstenwache. In Namibia wird das Robbenschlachten durch brutale Schlägertruppen verteidigt. Die namibischen Robbenschlächter lassen die Robbenschlächter Neufundlands und der Magdalenen Inseln im Vergleich wie friedfertige Hippies aussehen. Ebenso ist im Gegensatz zu Kanada die Korruption in Namibia extrem verbreitet. Die Regierung, die Polizei und das Militär ist käuflich und jeder weiß es.

Ein solch brutaler Gegner erfordert eine gänzlich andere Strategie, als in Kanada. Unser Ziel ist die Aufdeckung und Dokumentation, um mit den Beweisen wirtschaftlichen Druck zu erzeugen. Wir müssen uns auf den Tourismus konzentrieren, ganz besonders den von Deutschland aus. Wir müssen die Bilder namibischer Gräueltaten in die ganze Welt hinausschicken. Wir müssen, im Licht der internationalen Öffentlichkeit anprangern, dass eine kleine Gruppe gieriger Ausländer sich auf Kosten der unschuldigen namibischen Bevölkerung und des marinen Lebens an Namibias Küsten bereichert.

Namibia hat riesiges Potenzial ein Mekka für Touristen zu werden, mit einer gesunden Robbenpopulation als garantierten Anziehungspunkt. Die Robbenpopulation sinkt jedoch und die Größe der Kolonie ist bereits drastisch reduziert. Was einmal so prachtvoll war, ist jetzt bereits viel weniger geworden und nimmt jedes Jahr weiter ab. Bald wird es nur noch eine Handvoll Robben sein, das Interesse der Touristen wird schwinden und mit ihm der große Umsatz durch den Tourismus, von dem so viele hart arbeitende Namibier profitieren.

Sea Shepherd ist jetzt zum Kampf gegen dieses widerwärtige und illegale Robbenschlachten aufgestellt. Wir haben dieses Gefecht dramatisch und kämpferisch begonnen und wir werden mit einer angriffslustigen und unerschrockenen Kampagne weitermachen, bis wir unser Ziel erreicht haben: Und zwar den Verbrechen von Yavuz und seinen geschmierten, korrupten Politikern Einhalt zu gebieten und ihn daran zu hindern, mit dem Blutvergießen hunderttausender wehrloser Robbenbabys Profit zu machen.

Seal skinning factory

Fabrik, in der die Robben gehäutet werden

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