Japans “Wissenschaftlicher Walfang”, sehr viel mehr als nur Wale

Internationale Reaktion auf Japans Mißbrauch der Erdbebenhilfsfonds

Am 30. September 2011 kündigte die japanische Regierung an, dass sie das Budget für das Walfangprogramm um beinahe 600 Prozent aufstocken werde, wobei die Geldmittel dafür aus den Fonds abgezogen würden, die zum Wiederaufbau des Landes nach Erdbeben und Tsunami vorgesehen waren. Das rief ebenso den Zorn ziviler japanischer Gruppen hervor wie einen offiziellen Protest durch mehr als sechzig internationale Organisationen.



Der folgende Artikel wurde am 16. Dezember veröffentlicht durch
Centro de Conservación Cetacea
(genehmigter Nachdruck)

Japans “Wissenschaftlicher Walfang”, sehr viel mehr als nur Wale

Whaling vessel

Am 7. Dezember verließen drei Schiffe der japanischen Walfangflotte, angeführt von der Yushin Maru, den Hafen von Shimonoseki in Richtung antarktisches Walschutzgebiet, um zum angeblichen Zweck „wissenschaftlicher Forschung“ 900 antarktische Zwergwale und 50 der bedrohten Finnwale zu fangen.

Die Kenndaten der Flotte, Abreisedaten und Pläne zum Ablauf bleiben ein Geheimnis. Die japanische Regierung rechtfertigt die Geheimhaltung mit der Angabe von Sicherheitsgründen. Jedoch sollte diese Art von Informationen öffentlich gemacht werden, da Wale ein Naturgut darstellen, das nicht der Regierung von Japan gehört.

Die Walfangindustrie erhält trotz Krise Wiederaufbaufonds

Am 30. September berichtete die japanische Presse, dass ihre Regierung das jährlich in das antarktische Walfangprogramm investierte Budget um nahezu 600 Prozent aufstocken werde, um die Sicherheit der Walfangflotte zu verstärken. 2010 war die Flotte mit weniger als 20 Prozent der selbstgesetzten Fangquote zurückgekehrt, nachdem sie die Saison vorzeitig beenden musste. Als Grund nannten sie, Sea Shepherd habe die Sicherheit ihres Unternehmens bedroht. Um dieses notwendige Budget aufzustocken kündigte die Regierung an, öffentliche Gelder japanischer Steuerzahler einsetzen zu wollen, die ursprünglich zum Wiederaufbau des Landes vorgesehen waren.

Diese Ankündigung rief den unmittelbaren Protest der japanischen Bürgerschaft hervor. Über ein Dutzend Organisationen, einschließlich Japans Zusammenschluß von Anwälten für den Umweltschutz, der Association for Protection of Marine Communities und des Whale Action Network sandten eine nachdrückliche Botschaft an den japanischen Premierminister Yoshihiko Noda, die den Einsatz ursprünglich für den Wiederaufbau des Landes vorgesehener öffentlicher Gelder „zur Durchführung wissenschaftlichen Walfangs im Südpolarmeer wie ursprünglich geplant“ scharf verurteilte. Dieses Schreiben, dem sich später rund ein Dutzend lateinamerikanischer Organisationen anschloss, einschließlich des Cetacean Conservation Center und des Ecoceanos Center of Chile, stellt außerdem fest, dass der Einsatz dieser Gelder zwangsläufig Fragen aufwirft zu eigennützigen Interessen der japanischen Regierung an der Verlängerung „des sterbenden Walfangprogramms mit Geldern von Steuerzahlern“.

Beamte der japanischen Fischereibehörde (JFA) waren schnell bei der Hand, die Regierungsentscheidung zu verteidigen, das Geld gehe in die Unterstützung der Walfangindustrie und einiger Gemeinden, die durch das Erdbeben und den Tsunami im vergangenen Jahr in Mitleidenschaft gezogen wurden. Sie fügten hinzu, dass sie bei einer Rückkehr mit einer „vollen Ladung“ [Wale] in der Lage wären, die Gemeinschaft von Ayukawa wieder aufzubauen, der einzigen Walfanggemeinde an der Ostküste der Ojikahalbinsel, die im März zerstört wurde und die einmal lediglich eine Walfangstation hatte. Jedoch legen die von der JFA angeforderten Geldmittel eindeutig dar, dass die endgültige Bestimmung des Geldes ist, „die Sicherheit der Walfangflotte zu stärken und ein ungestörtes Vorgehen während der Jagdsaison in der Antarktis zu gewährleisten“. Ebenso belegen die Aussagen der JFA-Beamten die tatsächliche kommerzielle Natur des sogenannten „wissenschaftlichen Walfangs“ und bestätigen ein weiteres Mal die Gesetzwidrigkeit dieser Unternehmen.

Im Anschluß an diese konfusen Darstellungen kam die Antwort der japanischen Zivilbevölkerung sofort. Am 2. Dezember forderten diverse Organisationen ihre Behörden auf, den Einsatz öffentlicher Gelder zur Erhaltung der Walfangindustrie zu überprüfen und setzten damit ein starkes und nachdrückliches Zeichen ihres Widerstands gegen die Walfangpolitik der japanischen Regierung.

“Wissenschaftlicher Walfang”, Strategie für Expansion und Militarisierung in der Antarktis?

Nachdem die Regierungssubventionen verdreifacht und eine weitere Saison “wissenschaftlichen Walfangs” in der Antarktis abgesichert waren, erklärte der Sprecher der japanischen Küstenwache in den Medien, es sei eine Entscheidung getroffen worden, die „die Sicherheit verstärke wie niemals zuvor“ und den „umfassendsten Schutz in der Geschichte biete“, der „dazu dienen werde“ Umweltgruppen „abzuschrecken“. Dies würde den Einsatz einer unbestimmten Anzahl von Beamten der Küstenwache an Bord der Walfangflotte einschließen, nicht näher benannte Sicherheitsausrüstungen und sogar ein Patrouillenschiff der JFA, das in riesigen Buchstaben die Aufschrift „Regierung von Japan“ auf der Längsseite trage. Hierbei handelt es sich um ein weiteres eindeutiges Beispiel für die Durchführung einer aggressiven Expansionspolitik Japans in antarktischen Gewässern, das mittlerweile Formen einer Regierungs-/Kapitalgesellschaftlichen Unternehmung annimmt.

Die fehlende Transparenz der japanischen Regierung in Hinblick auf die von ihr durchgeführten Sicherheitsmaßnahmen war eins der Besorgnisse, das von mehr als sechzig lateinamerikanischen, karibischen und internationalen Organisationen in einem am 25. Oktober an ihre Vertreterkommission (Buenos Aires Group) versandten Brief anlässlich der International Whaling Commission (IWC) ausgedrückt worden war. Das Südpolarmeer wird unter dem Antarktis-Vertrag verwaltet, der es als ein Gebiet des Friedens, internationaler Zusammenarbeit und Waffenfreiheit ausweist. Ein Walfangprogramm, das nicht einmal die Zustimmung der japanischen Zivilbevölkerung findet, bedroht nun dies alles. Der von lateinamerikanischen Organisationen geführte Aufruf betrifft die Sorge, dass der Großteil der von den Wiederaufbauspenden für das Walfangprogramm abgezogenen Gelder zur Verstärkung der Sicherheit der Walfangflotte eingesetzt wird, was einen gefährlichen Präzedenzfall für die Art des Vorgehens bei zukünftigen Konflikten im Antarktis-Vertragsgebiet schafft.

Allerdings wurde dieser Aspekt von Regierungen vollständig ignoriert, einschließlich der Länder mit Interesse und Territorialansprüchen in der Antarktis. Die Buenos Aires Group gab nach dem Ablegen der Flotte eine gemeinsame Erklärung heraus, in der sie „wissenschaftlichen Walfang“ verurteilte und die japanische Regierung gemahnte, die Walfangunternehmungen, die „in einem von der IWC ausdrücklich zum Schutz von Walen errichteten Schutzgebiet“ durchgeführt werden, zu beenden.

Gleichfalls hat keine Regierung die Regierung Japans aufgefordert und /oder öffentlich von ihr verlangt, die maßgeblichen Informationen über die Art von Patrouillenschiff, Beamte und Merkmale der Sicherheitsausrüstung bekanntzugeben, die im Südpolarmeer eingesetzt werden. Obwohl die IWC etliche Beschlüsse zur Sicherheit auf See gefasst hat, setzt die japanische Regierung diese ein, um Unterstützung für die offensive Expansion ihres Walfangs in der Antarktis zu erreichen.

Während Regierungen und zivile Organisationen angesichts des Einsatzes militärischen Personals und militärischer Elemente in der Antarktis-Vertrags-Zone stillhalten, fährt Japan fort, strategische Maßnahmen umzusetzen, die das Ziel haben, jeden Widerstand gegen ihre Walfangunternehmungen auszuhebeln um mit einer „vollen Ladung“ [Wale] zurückzukehren und damit den kommerziellen Walfang wieder aufzubauen. Dies wurde am vergangenen Freitag deutlich, als die Medien ankündigten, das Institute of Cetacean Research (ICR) und der Mischkonzern der Walfänger Kyodo Senpaku hätten vor dem Bundesgerichtshof in Washingtion (USA) eine Klage angestrengt, die anstrebe, Sea Shepherd von der Einmischung in wirtschaftliche Unternehmungen auf See abzuhalten. Man muß sich in Erinnerung rufen, dass 2009 die Vereinigten Staaten, ein Land, das in vergangenen Jahren die Walfangpolitik Japans unterstützt hat, mit der Idee sympathisierten, gegen Umweltschutzgruppen vorzugehen, die gegen U.S.-Gesetze verstoßen.

Düstere Zukunft für die Wale des weißen Kontinents

Während der Widerstand gegen den “wissenschaftlichen Walfang” weltweit einmütig ist, haben Verurteilungen, Klagen und diplomatische Proteste keinerlei Wirkung hinsichtlich Japans gieriger Walfangpolitik im Südpolarmeer gezeitigt.

Das Ausbleiben konkreten und effektiven Vorgehens – einschließlich, aber nicht beschränkt auf – Einführung von Handelssanktionen und einer Reform des IWC-Abkommens, hat es der japanischen Regierung gestattet, gesetzliche und ethische Grenzen zu überschreiten, was nicht nur die Wale bedroht, sondern auch die Regierungshoheit über das Südpolarmeer, die Grundlagen des Antarktis-Vertrags, die Interessen lateinamerikanischer Länder und den dringlichen Hilfebedarf der japanischen Bevölkerung nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der nuklearen Katastrophe.

Alles in allem könnte aus den Aktionen, die die japanische Regierung zur Absicherung ihrer “wissenschaftlichen Walfang”-Saison 2012 im antarktischen Walschutzgebiet unternommen hat, der Rückschluß gezogen werden, dass die Dreifachkatastrophe des März 2011 zur Einführung einer offensiven Vorgehensweise benutzt wurde, die die Abzweigung von ursprünglich dem Wiederaufbau des Landes zugedachten Steuergeldern zugunsten der Walfangindustrie beinhaltet, und die den Frieden und die Waffenfreiheit der Antarktis-Zone dauerhaft untergräbt, wobei sie das von den UN anerkannte Grundrecht auf friedliche Demonstration nicht nur einschränkt, sondern sogar auslöscht.

Der wachsende Widerstand innerhalb Japans gegen die Walfangpolitik seiner Regierung, der systematische Rückgang des Walfleischkonsums und der kürzliche, historisch herausragende, Lagerbestand von über sechstausend Tonnen Fleisch zeigt, u.a., dass das wirkliche Interesse der japanischen Regierung im Schutz einer kleinen, aber mächtigen Wirtschaftselite liegt, die mit ihrer Fischfangindustrie in Verbindung steht, um deren Herrschaftsanspruch über die reichhaltigen Gewässer des Südpolarmeers zu festigen. Selbst wenn es dafür aggressiver Maßnahmen bedarf und das nicht den tatsächlichen Interessen und Bedürfnissen der japanischen Bevölkerung entspricht.

In diesem Zusammenhang gibt es einen dringenden Bedarf für die Länder der Südhalbkugel, insbesondere derer mit umittelbarem Interesse und Verantwortung für die Antarktis und die mit ihr verknüpften Ökosysteme, wirksame Vorsorgestrategien zu erstellen, um Japans provokative Walfangpolitik zu stoppen, bevor es zu spät ist.

Von: Elsa Cabrera, Geschäftsführerin Centro de Conservación Cetecea and Juan Carlos Cardenas, Geschäftsführer, Centro Ecoceanos.

Quellen: Courier Mail, Associated Press, Japan Real Time, Prensa Latina, Univisión Noticias, The Guardian, The Sydney Morning Herald, ABC News, La Región, M&C, Wikileaks, Ministerio de Relaciones Exteriores de Chile

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